Der große Impfversuch von Konstantinopel / Istanbul

Mary Wortley Montagu in traditionell türkischer Tracht und ihr Sohn Edward Edward Wortle in Konstantinopel zusammen mit ihren Bediensteten. Ein Gemälde von Jean-Baptiste van Mour aus dem Jahre 1717.

Mary Wortley Montagu in traditionell türkischer Tracht und ihr Sohn Edward Edward Wortle in Konstantinopel zusammen mit ihren Bediensteten. Ein Gemälde von Jean-Baptiste van Mour aus dem Jahre 1717.

Der große Impfversuch von Konstantinopel / Istanbul

Impfungen gehören heute zu den wichtigsten präventiv Maßnahmen gegen verschiedene Arten von Infektionskrankheiten. Sie werden auch als Schutzimpfungen bezeichnet. Die Impfung lernen wir hier in Deutschland bereits im Kindesalter kennen. Dank den umfassenden Impfprogrammen seit Mitte des 20. Jahrhunderts konnten bis heute viele Infektionskrankheiten stark reduziert werden. Es gibt aber auch einige Kritiker der modernen Impfung.

Passive und aktive Impfung

Man unterscheidet zwischen aktiver und passiver Impfung. Bei der aktiven Impfung, die häufiger Anwendung findet, werden die Impfstoffe bzw. die Erreger vorher abgetötet, abgeschwächt oder fragmentiert. Anschließend wird der Impfstoff in den Körper eingebracht mit dem Ziel, dass der Körper die spezifische Immunabwehr einschaltet, dabei Antikörper bildet und Gedächtniszellen anlegt. Der Körper lernt also, wie mit den gleichen Erregern in Zukunft umzugehen ist. Je lebendiger der Impfstoff ist, also je lebens- und teilungsfähiger die Erreger sind, desto höher sind die Lerneffekte des Immunsystems und des damit verbundenen Schutzes. Bei der passiven Impfung hingegen wird ein Impfserum eingebracht, das bereits Antikörper gegen den Erreger enthält. Der Körper bildet selber also keine oder nur sehr wenige Antikörper. Der Lerneffekt ist nicht so gut ausgeprägt wie bei der aktiven Impfung. Der Schutz bei der passiven Impfung gilt auch nur für einige Wochen bis wenige Monate. Die passive Impfung wird daher eher bei Notfällen, beispielsweise bei Verdacht auch Tollwut oder Tetanus, eingesetzt.

Impfstoffe sind wirksam und gut verträglich

Dank der rasanten Entwicklung in Forschung und Pharmazie sind moderne Impfstoffe heute gut verträglich und wirksam. Doch es gab auch eine Zeit vor den Impfungen, in der Apotheker und Mediziner lange Zeit und bis ins 19. Jahrhundert hinein quasi machtlos gegen weitverbreitete Epidemien und immer wiederkehrende Krankheiten sowie Seuchen waren. Erst um das 18. Jahrhundert herum fand die Impfung dank Lady Montagu auch ihren Weg nach Europa.

1714, Lady Montagu berichtet erstmals über die Impfung in Konstantinopel

Pocken sind schon seit Jahrtausenden bekannt. Die ersten Impfungen soll es bereits 200 v. Chr. in China oder Indien gegeben haben. Den ersten an der Bevölkerung, groß angelegten Impfversuch gab es wohlmöglich um das 17. oder 18. Jahrhundert in Konstantinopel. Konstantinopels Einwohnerzahl betrug zu dieser Zeit knapp sechshunderttausend. Die Stadt war unter Sultan Ahmed III. (*1673; †1736) die damalige Hauptstadt des Osmanischen Reiches und heißt heute Istanbul. Damals waren in dieser Weltmetropole und Handelsstadt Krankheiten wie Pocken weitverbreitet. Fast jedes zehnte Kind starb an deren Folgen. Sultan Ahmet III. wollte nicht länger zusehen und unternahm den in der Geschichte allerersten groß angelegten Impfversuch an der Bevölkerung. Es wurden damals tausende Menschen absichtlich mit dem Pockenvirus infiziert, was damals Inokulation, später auch Variolation genannt wurde.

Die englische Schriftstellerin und Frau des englischen Botschafters in Konstantinopel, Lady Mary Wortley Montagu berichtet im Jahre 1718, dass sich die Türken den Körperflüssigkeiten von leicht Infizierten aussetzten, um sich besser gegen Seuchen zu schützen. Sie wendete diese Methode auch bei ihren eigenen Kindern an. Ihren Sohn ließ sie in Istanbul und ihre Tochter bei ihrer Rückkehr in London impfen.

Lady Montagu schreibt im April 1717 an ihre Freundin Lady Sarah Chiswell folgenden Brief:

„Die hier entwickelte Impfmethode schützt die Menschen vor schweren Krankheiten. […] Niemand wurde jeher von der Impfung getötet. Ich glaube bei dieser Sache stark an das Gute und so habe ich beschlossen auch mein geliebtes Kind Edward mit Blattern (=Pocken) zu impfen. Da ich mein Vaterland so stark liebe, will ich die Impfung auch in England bekannt machen. Wenn ich nur vorher wüsste, dass unsere Ärzte bereit wären, auf einen Großteil ihrer Einnahmequellen zu verzichten, würde ich über diese Sache ganz offen schreiben, aber ich habe etwas Angst vor dem Unverständnis und dem Zorn, der mich erwarten wird. Wahrlich es wäre für mich auch nicht von Vorteil, mit der Ärzteschaft keine guten Beziehungen zu haben.“

Lady Montagu bringt die Impfung nach Europa

Dies war nur einer von zahlreichen anderen Briefen und Berichten, in der sie die Impfung thematisiert und ihre Beobachtungen und Reisen als Frau in einem islamischen Land festhält. Sie bombardierte regelrecht ihre Freunde mit derartigen Briefen, um sie von dem Wunder der Impfung überzeugen zu können. Sie schrieb auch Artikel über Details der Variolation, die in der Royal Society vorgelesen und in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Bald merkte sie jedoch, dass Briefe und Artikel allein die Menschen in Großbritannien nicht überzeugen konnten. So brachte sie höchstpersönlich um das Jahr 1720 herum die erste Form der Impfung, die Inokulation, von Konstantinopel nach London. Hier stieß sie auf Unverständnis und auf Vorurteile seitens der Ärzteschaft. Ihre Theorien wurden ins Lächerliche gezogen. Ihren größten Erfolg bei dieser Sache erfuhr sie, als der König von Großbritannien, Georg I. Ludwig, seinen Enkel Jan Ingenhousz impfen ließ. Ingenhousz wurde später Arzt und Botaniker und war gleichzeitig ein großer Verfechter der Pockenschutzimpfung. Dennoch konnte sich die Impfung in England nicht im vollem Umfang durchsetzten und wurde sogar verboten, da viele Patienten nach der Impfung erkrankten und einige davon sogar starben – einige Quellen berichten von über 25000 Toten. Ein weiteres Problem war die hohe Ansteckungsgefahr. 1781 versuchte der preußische Arzt Hufeland (*1762 † 1836 ), die Impfung in Deutschland einzuführen. Auch hier starben viele an den Folgen der Impfung, und es brachen in Hamburg und Berlin zwischen 1794 und 1795 große Pockenepidemien aus. Daraufhin wurde dieses Verfahren in vielen Städten verboten und Ärzte, die dies weiter praktizierten, unter Strafe gestellt. Erst 1796 entwickelte der englische Landarzt Edward Jenner ein zuverlässiges Verfahren gegen Pocken.

Porträt von Edward Jenner * 1749. Er war ein englischer Arzt, der die moderne Schutzimpfung gegen Pocken entwickelte.

Porträt von Edward Jenner * 1749. Er war ein englischer Arzt, der die moderne Schutzimpfung gegen Pocken entwickelte.

Edward Jenner entdeckt Bericht über den großen Impfversuch in Konstantinopel

Das Jahr 1796 war ein historisches Jahr für die heutigen modernen Impfmethoden. Edward Jenner stieß bei seinen Recherchen und bei der Suche nach einer effektiven Waffe gegen die Pocken auf einen interessanten wissenschaftlichen Bericht des griechisch-osmanischen Arztes Dr. Emmanuel Timoni. Timoni studierte in Oxford und Padua Medizin und promovierte auch dort. Anschließend arbeitete er als Arzt und Leibarzt bei der Diplomatenfamilie Montague (s.o) in Konstantinopel.

In dem Bericht, den Timoni der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften, der Royal Society, 1714 vorgelegt hatte, standen nähere Details zu den Praktiken der Impfung. Der Arzt aus Konstantinopel beobachtete seit 1701 über Jahre hindurch, dass er gesehen habe, wie Tausende von Menschen in Konstantinopel absichtlich mit Pocken geimpft wurden. Mit einer Nadel habe man von kranken Menschen den Eiter aus der Pockenblase entnommen. Anschließend habe man das Impfserum auf die Haut von Gesunden, durch Stiche auf die Stirn, Wange oder Kinn aufgeritzt. Die so geimpften würden dann nur leicht oder gar nicht mehr an Pocken erkranken. Diese Arbeit solle von alten Frauen aus Thessalien ausgeübt worden sein. Bisher habe man weit mehr als vierzigtausend Menschen geimpft – darunter auch Kinder. Empfohlen werde die Impfung besonders im Winter und Frühling. Timoni versicherte der Royal Society, dass die Betroffenen nun immun gegen eine erneute Erkrankung an Pocken seien.

Ein wichtiger anderer Zeitzeuge war der venezianische Mediziner und Gesandte Giacomo Jakob Pylarini aus Smyrna, heute Izmir. Er bestätigte den Impfversuch in Konstantinopel. Weiter beschrieb auch Anton le Duc den Impfversuch und behauptete, dass von mehr als zweitausend Geimpften nur zwei gestorben wären.

Ursprung der Impfmethode in Konstantinopel. Drei Theorien

Über den Ursprung der Impfmethodik in Konstantinopel gibt es drei Theorien. Nach der einen stammt sie aus Thessalien im heutigen Griechenland, damals eine Provinz des Osmanischen Reiches. Wie oben beschrieben, impften demnach thessalische Frauen die griechische Bevölkerung in Konstantinopel. Deshalb nannte Timoni die Impfmethodik auch die griechische Variante. Nach einer anderen Theorie stammt die Impfung von kaukasischen Völkern. Der große Reisende seiner Zeit, A. de La Motraye, berichtet, er habe die Impfungen, während seiner Reise durch den Kaukasus bei Tscherkessen und Georgiern beobachtet. Die letzte Theorie besagt, dass die Impfung den türkischen Nomadenstämmen, lange vor der Osmanenzeit, bereits bekannt war und auch aktiv praktiziert wurde. Der preußische Apo¬theker und Chemiker Caspar Neumann schreibt in einem Bericht über „die Impfmethode nach türkischer Art“, die zunächst Anwendung in England an Gefangenen und Verbrechern fand. Sultan Ahmed III. erlaubte erst ab dem Jahr 1727 den Buchdruck im Osmanischen Reich. Daher gibt es leider nicht sehr viele türkische Quellen über den großen Impfversuch in Konstantinopel. Viele von ihnen sind verschollen. Folglich gab es erst 1729 die erste osmanische Druckerpresse in arabischer Schrift. Zuvor hatte es im Osmanischen Reich nur hebräische und armenische Druckereien gegeben.

Eine Lange Phase der Gleichgültigkeit

Bis ungefähr 1727 war die neue Methode eine Sensation, wenn auch umstritten. Ab 1750 folgten dann Jahre der Gleichgültigkeit – bis Edward Jenner schließlich ein zuverlässiges Verfahren entwickelte. Jenner beobachtete, dass Melkerinnen, die sich mit Kuhpocken infizierten hatten, nicht noch mal an den gleichen Pocken erkrankten. Schließlich unternahm Edward Jenner einige Selbstversuche, um andere von der Impfung zu überzeugen. So impfte er im Mai 1796 den acht Jahre alten Jungen James Phipps mit Kuhpockenserum. Der Junge erwies sich später als immun gegen gewöhnliche Pocken. Auch impfte er seinen 11 Monate alten Sohn und auch weitere Menschen mit Pocken aus Kuhpockeneiter. Menschliche Pockenseren waren sehr infektiös und konnten beim Menschen zu schweren Komplikationen führen. Diese Komplikationen traten anscheinend bei Kuhpockenseren nicht mehr oder zumindest etwas milder auf. Jenners Forschungsergebnisse stießen wieder auf Unverständnis. Trotzdem setzte sich seine Methode, die er selber als „Vaccination“ (lateinisch vacca =Kuh ) bezeichnete, durch.

Impfung heute

Heute gibt es zahlreiche Impfstoffe, die sehr erfolgreich gegen verschiedene Arten von Infektionskrankheiten eingesetzt werden. Die Wirksamkeit ist dank klinischer Studien und anderer Quellen gut belegt. Es gibt in Deutschland Impfprogramme mit Empfehlungen zu Impfungen, die vorgenommen werden sollten. Es gibt aber auch Impfkritiker. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) gibt es in Deutschland schätzungsweise 3-5 % Impfgegner. Ihre kritische Haltung gegenüber Impfungen hat verschiedene Gründe.

1967 druckte die Türkei als Erinnerung an die erste Pockenimpfung vor 250 Jahren eine Briefmarke

Quellen:

– Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneykunde, Band 5 von Kurt Polykarp Joachim Sprenger
– bilisimgelisim.com/bilim-teknik/12-dunyada-ilk-katarakt-ameliyati.html
– sorularlaislamiyet.com/article/9342/islam-toplumu-ve-medeniyet-cicek-asisi.html
– archive.org/stream/dievariolationim00klebuoft/dievariolationim00klebuoft_djvu.txt
– Lady Montagu, Türkiye Mektupları, 1717-1718, çev. Aysel Kurutluoğlu, s. 66-67.
– turkcebilgi.com/edward_jenner/ansiklopedi
– islamvebilim.bloguez.com/islamvebilim/page4/
– 1719: The genuine copy of a letter written from Constantinople by an English lady, who was lately in Turkey, and who is no less distinguish’d by her wit than her quality to a Venetian nobleman.

– Bildquellen: u.a. Wikipedia

 

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